|
Am Anfang steht immer der Mythos. Die Geschichte kommt später.
Babel ist, wie Derrida unterstreicht, der Mythos des Mythos, es erzählt den eigentlichen Ursprung der Metapher, der Notwendigkeit der Allegorie und somit die Möglichkeit der Kunst.
Es existiert der Mythos über die Unzulänglichkeit zwischen einer Sprache und der anderen ... der Sprache selbst und der Bedeutung, und er spricht auch von der Notwendigkeit der Darstellung, des Mythos, der Tropoi. (Jacques Derrida, Des Tours de Babel)
Babel erzählt auch die Geschichte des Menschen in seinem ewigen Kampf in der Überschreitung seiner Grenzen. Sünde des Hochmuts in der Jüdisch-christlichen Tradition, die Sünde von Ubris im Alten Griechenland.
Der Mensch, der den Himmel berühren will, der gleich sein will mit Gott ... .
Ein Nachahmungstraum, der in der Kunst ständig vorherrscht und der seine eindrucksvollste, und wieder mythische, Darstellung in Platons Demiurg findet. Der Materie eine Form verleihen, so wie es Gott getan hat, so wie es der Künstler tut. Fliegen, so wie Ikarus oder den Himmel berühren wie die Nachkommen von Sam oder Schaffen wie der Demiurg.
In diesem Sinne steht der Künstler immer im Schatten von Babel.
Ein Turm der unterbrochen wird, ein unvollendeter Bau.
Eine Sprache, die sich in tausend verschiedene Sprachen verwandelt, eine Sprache, die nicht mehr kommuniziert.
Unvollkommenheit, Bruch, Überheblichkeit, Pluralität definieren den Konzeptrahmen, indem sich die Künstler von heute mühelos bewegen, in einer Grenzenlosigkeit zwischen den Medien, in einer Interdisziplinarität, die den Rahmen der post-geschichtlichen Kunst definiert, ganz nach der Definition von Arthur Danto: "eine Kunst, die sich durch das Fehlen von stilistischen Einheit - und somit durch das Fehlen einer erzählerischen Richtung definiert." (After the End of Art. Contemporary Art and the Pale of History)
Babel erzählt sich und durchquert die Geschichte wie ein Spielfilm, mit Rollen, Motiven und Episoden, die unendlich re-interpretierbar sind und sich dann in eindrucksvollen Kombinationen artikulieren, Schichtung von Bedeutungen.
In seiner tiefen Doppeldeutigkeit, in seiner Unübersetzbarkeit schränkt es in nuce ein, nimmt es eine Schlussfolgerung vorweg, die der großen Erzählungen im geschichtlichen Sinne, "les grands rècits" der Einheit, um den Raum der Erranza, der Horizontalität, der Unübersetzbarkeit zu öffnen.
"Es ist die ganze Welt": eine einzige Sprache. Wir stammen ab, vertauschen die Sprachen, der Mensch versteht seine Mitmenschen nicht mehr.
"Und er spricht seinen Namen aus: Bavel, Durcheinander, und so bringt Jahve die Sprache der ganze Welt durcheinander".
Sein Name ist, wie Derrida bemerkt, die stärkste und genzenloseste Doppeldeutigkeit des Textes. Ist Babel der Name der Stadt oder der Name Gottes? Und er sieht in der biblischen Erzählung das erste Anzeichen einer Dekonstruktion.
|
|
"Was die Vielfalt der Idiome hier eingrenzt, ist nicht nur eine "wahre" Übersetzung, das Ding zwischen transparentem und adäquatem Ausdruck, sondern auch eine strukturelle Ordnung, eine Kohärenz des Konstruktums. Es wäre einfach, und bis zu einem gewissen Grad berechtigt, darin die Übersetzung eines sich in Dekonstruktion befindlichen Systems zu sehen."
Vom Mythos kommen wir zur Geschichte mit dem Video von Udo Rein "Exit Babel" und zu seiner absoluten Singularisierung in der Stimme, in der Stimme eines Menschen.
Aber die von der Stimme garantierte lineare Einheit wird sofort unterbrochen, von anderen Klängen durchsetzt, von anderen Sprachen, anderen Bildern. Ein Gerät der Assoziationen, Fragmente, die im Widerspruch funktionieren, in einem Überschwang an Zeichen und Idiomen, die ihr eigenes Geheimnis bergen, undurchdringbar für den anderen, undurchlässig.
Wie das Weinen eins Kindes übersetzen? Was bedeutet für jeden von uns das Geprassel des Regens? Die ideologischen Slogans?
Es gibt weder Synthese, noch Aussöhnung - Ein komplexes Geflecht, das die jüngste Geschichte Südafrikas heraufbeschwört, seine Bemühungen für die Versöhnung, seine Prozesse, die in der Einzigartigkeit der dominierenden Sprache, die anderen 13 offizielle Sprachen vergaßen, Sprachen in denen die Menschen die Wunden der Apartheid erzählten.
Exit, ein Gewebe gebildet aus Informationen, Erinnerungen, Klängen und unartikulierten Stimmen, das unter Brüchen und Wiederzusammensetzung, dem Bild und dem Klang, der Information und der Übersetzbarkeit der Idiome eine andere Perspektive verleiht.
Aber Babel bietet außerdem noch einen anderen Vorwand, um ein anderes Missverständnis der Sprache und der Übersetzung heraufzubeschwören.
Die Konstruktion des Turms, aus dem Wunsch heraus die Natur dominieren zu wollen, nimmt die Dominanz der Technik über die moderne Welt vorweg.
Die Modelle von Clemens Fürtler, der Prozess ihrer Konstruktion, zeigen zwischen Automatismen und Mechanik, die dunkle Seite unserer Beziehung zu Produktion und Fortschritt, der Langeweile der Wiederholung, einer leeren Alltäglichkeit geweiht und die Nachfrage umgehend.
Heidegger erinnert, dass "tekne" in altgriechischen, nicht nur das handwerkliche Tun bedeutete, also die Technik im Sinne eines Mittels um ein Ziel zu erreichen, sondern auch Kunst im gehobenen Sinne des Wortes, die schönen Künste. Die Vormacht der Technik, in der Heidegger die größte Gefahr für den Menschen der Moderne sieht, weil sie ihm die Beziehung zur Wirklichkeit versperrt, stützt sich auf die fehlende Reflexion über das Wesen der Technik, das nicht müde wird zu wiederholen und nichts technisches an sich hat.
"Je mehr wir das Wesen der Technik befragen, umso geheimnisvoller wird das Wesen der Kunst. Das Wesen der Technik hat nichts technisches an sich, deshalb muss die wesentliche Reflektion über die Technik sich in einem Bereich abspielen, der einerseits mit dem Wesen der Technik verbündet ist, und der sich aber andererseits genauso tiefgründig von ihr unterscheidet. Die Kunst ist ein solcher Bereich." (Die Frage der Technik)
Der Schatten von Babel geht vielleicht in diese Richtung.
Allessandra Fanari, Paris
|