udo rein

"Moderne Nomaden" von Franco Fadda

Den Betrachter der Videos, Standbilder und Collagemalereien auf Holz von Udo Rein überfällt eine große Genugtuung bei der Feststellung, mit welch außerordentlichem Einfallsreichtum dieser das gewählte Medium behandelt, und das dargestellte Sujet optimal zur Geltung bringt. Es handelt sich dabei um eine individuelle Ausdrucksweise, die aus der Erfahrung mit Pop- und Street Art entspringt, Kunstrichtungen, die einen starken Einfluss auf Reins künstlerischen Werdegang hatten. Dank seiner Kreativität ist es ihm gelungen mit sozialer Gewichtung und präzisem Bezug auf die Gegenwart, dargestellte menschliche Figuren und Landschaftsikonen zu verändern. Die Bilder zeigen keine Spur von Kargheit, sondern eher eine kulturelle Wirklichkeit, in der Ernüchterung einer Gleichgültigkeit, die der Schlüssel zur Gegenwart zu sein scheint.

Um die Werke von Udo Rein mit anderen Augen, als mit denen der ästhetischen Bewunderung zu sehen, muss man jedoch in der Zeit zurückgehen und einige Abschnitte seines Lebens kennen. Der deutsche Künstler hat längere Zeit - in den 80iger und 90iger Jahren - in den USA gelebt und war dort mit der Realität der amerikanischen Großstädte konfrontiert. Dort hat er das Material, die Impulse und die Eindrücke gesammelt, die er heute in seinem Schaffen als erfolgreicher Full-time-Künstler einsetzt. Als Autodidakt hat er zu malen begonnen, indem er Hintergründe für Collagen auf Leinwand vorbereitete, auf die er dann eine Malerei setzte, die er selbst als informell bezeichnet, und bei der sich bereits die Impulse und die Farben abzeichneten, die auch heute noch seine Werke beleben. In einer zweiten Phase wächst die technische Kompetenz und er beginnt die Figuren zu definieren, die nach und nach seinen Filmen entspringen. Seine stilistische Berufung zeichnet sich in einem konsequenten Verlauf der Inspiration durch filmische Bilder, die deren Ursprung sind, immer deutlicher ab; er spielt mit der Verflechtung verschiedener Ausdrucksweisen in Richtung Pop, wo sich die Altlasten der kollektiven Einbildung mit den privaten Geschichten vermischen und diese somit aus dem Schatten der Ikonen steigen, die derzeit das künstlerische Panorama beherrschen.

Seine Vorgehensweise beginnt mit der filmischen Dokumentation, die oft das Ergebnis von wochen-, monate-, ja manchmal sogar jahrelanger Arbeit ist - wie im Fall der Serie EXIT - einer Reproduktion von Bildern, die aus der Erforschung von urbanen und großstädtischen Situationen entspringen, die oftmals schon vergessen sind. Eindeutiges Zeugnis dafür sind die Eindrücke eines eigenen Nomadentums, nicht nur eines geografischen, sondern vor allem eines kulturellen Nomadentums seiner Reisen nach Buenos Aires, Havanna, New York, Shanghai, Seoul, Kapstadt, Belgrad, Tokio, Sofia, Riga, Hamburg und London, um nur einige zu nennen. Rein suggeriert mit der ausführlichen Dokumentationssammlung eine gewisse Intimität und weit ab von einer ikonenhaften Darstellung fängt er den absolut menschlichen Aspekt der Abbildung ein. Es gelingt ihm, seine Sujets gegenwärtig erscheinen zu lassen (uns gegenüberstehen als soziale Wirklichkeit) und gleichzeitig weit weg (wegen unsere Unfähigkeit mit ihnen aktiv zu interagieren). Die Maltechnik ist präzise und folgerichtig. Von den Filmen zu den Standbildern und von diesen zu den Collagebildern, gewöhnlich auf Holz. Über alles dominieren die dargestellten Abbildungen und die Farben, die je nach Ambiente wechseln. Nicht zu vergessen der häufige Einsatz von Straßenschildern, deren Hinweise oft auf fiktive Parcours deuten. Bilder von Dekadenz und Laster, wie in "lust" oder in "pride" Zusatz von "7 deadly sins", die Schnitte und Abschürfungen einer ungetrübten Schönheit darstellen und gleichzeitig die Natur der Erregung verschleiern.

In seinen Werken herrscht nicht übermäßig Hoffung vor, wenn man unter dem Begriff Hoffnung Öffnung gegenüber einer anderen, als der beschriebenen Welt versteht. Er wartet ab und betrachtet, mit leicht abgesondertem Blick, und fragt sich und uns, was denn jetzt geschieht. Ziemlich beunruhigt über die sozialpolitische Wirklichkeit, aber ohne den Anspruch Lektionen oder Ratschläge für die Zukunft geben zu wollen. Er verurteilt deprimierende soziokulturelle Situationen in degradierten Umgebungen. Eine Art moderner "Wanderer", der in den verschiedenen Winkeln der Erde die Erinnerung der Gegenwart sucht. Er erforscht das suburbane Universum als Ort, der die Betonung auf viele Widersprüche in unserer Zeit legt. Im Schatten eines Turms von Babel, der permanent im Kontrast zwischen der Wiederholung der Orte (zur gleichen Zeit identisch und doch verschieden), und der Sehnsucht nach einer wahren Würde. Dies tut er mit Werken wie Time, 5min 5sec oder Lost paradise, eine Dokumentation über die Welt der Obdachlosen (Schorsch), über die Clochars, über die Unangepassten, über deren Art die Zeit zu verstehen. Ein Kosmos geprägt von der Erfahrung des Kontrastes und der Zerrissenheit. Oder auch in den jüngsten Werken über die Volksgruppen von Sinti und Roma in Belgrad, eine Erkundung in einer immer unbeliebten Sphäre, die sich im permanenten Konflikt mit der Umgebung befindet. Nicht nur in Serbien, sondern in ganz Europa gibt es Anzeichen von Intoleranz gegenüber einer Wirklichkeit, die als Beispiel von Negativem verfolgt und verbannt wird. Mit diesen Rekonstruktionen, individuellen Erfahrungszeugnissen, ermöglicht uns Udo Rein die Einsamkeit eines gesamten Volkes zu sehen.

Wenn auch formal verschieden, so haben doch die Werke, die den "Nach-Apartheid"-Zustand analisieren, eine ähnliche Bedeutung. Udo Rein durchdringt die jüngste südafrikanische Vergangenheit mit seinen Werken "EXIT BABEL", in denen er einige ehemalige Häftlinge von Robben Island trifft, die heute damit beschäftigt sind, der Welt eine Situation vor Augen zu führen, die noch lange nicht abgeschlossen ist.

 

Dies tut er mit einem Film - eben EXIT BABEL - in dem der Hauptdarsteller John, heute als Busfahrer Touristen in seine ehemalige Haftanstalt fährt. Für John ist diese Tätigkeit des Busfahrens nicht nur reine Arbeit, sondern auch die Möglichkeit den Touristen das Gedächtnis wach zu halten. Ein hervorragender Film, in dem die Momente jenen Dramas in einem Crescendo von Audio- und Videoeindrücken ohne Möglichkeit des Rückzugs auf den Zuschauer einwirken. In einer Sequenz sieht man die Gefängnisinsel, den Bus, der heute Touristen und damals Sträflinge transportierte, die unüberwindbaren Mauern, den Leuchtturm der Insel, das nervöse, aber durchaus reale Heulen eines Kindes einer Touristin, das Gefängnis von Nelson Mandela, das Blut, den Regen, das Pantheon in Rom mit dem offenen Loch, als starker Kontrast zur Unterrückung. Im Betrachten dieses Filmes erliegt der Zuschauer dem Wunsch die Geschichte neu zu schreiben, um dieser Atmosphäre von Freiheitsberaubung zu entkommen. Ein deutliches Gefühl des Unbehagens, das vom Künstler bewusst provoziert wird. Aber wie bei den meisten seiner Werke ist es nicht einfach diese auf eine einzige Weise zu interpretieren, auch wenn sie alle gleiche Grundelemente haben. Aus diesem Grund wird der Blick des Betrachters geradezu genötigt zu intervenieren. Eine Suggestion, die der Künstler mit den dazugehörigen Bildern und Standbilderns (The monk, John, exit nyc, lost exit babel) verstärkt.

Die menschlichen "Dramen", die von Udo Rein dargestellt werden, berühren den Betrachter auf sensitiver und emotionaler Ebene, indem er in Bilder eingetaucht wird, die er bereits gesehen hat und die allgemein bekannt sind, die aber gleichzeitig bewusst vergessen worden waren. Ein wacher Blick, der die Aufmerksamkeit auf soziale Situationen lenkt und fixiert, die im allgemeinen Bewusstsein "Gleichgültigkeit" geworden sind. Die dargestellten Personen werden oft als eine Art "Opferkörper" der gegenwärtigen Ausschlussmechanismen präsentiert. Von der Aufmerksamkeit ist man zu einer postmodernen Un-Aufmerksamkeit übergegangen. Ein gefährliches Spiel zwischen Präsenz und Absenz.

"Alle heiligen Spiele der Kunst sind nur entlegene Reproduktionen des unendlichen Spiels der Erde" schrieb Friedrich Schlegel. Ein Behauptung, die auf viele Werke von Udo Rein zugeschnitten sein scheint. In der Tat verwandelt er oft suburbane Dekadenz in ein Paradies der Bilder. Die Nicht-Orte zeigen sich in einer Art unschuldigen Vision. Es sind die Details, die scheinbar unbedeutenden Schatten, die uns, Schritt für Schritt, zu diesen Realitäten hinführen.

So wie in der Reihe Ibiza, in der der Künstler die Momente jugendlichen Ausbruchs in entpersonalisierten Szenen des bekanntesten Sommervergnügen darstellt. Er fixiert die Bilder in einer klaren Verflechtung von Situationen, die auf die simple Wesentlichkeit der Gesten zurückzuführen sind. Sehr eindrucksvoll in diesem Zusammenhang die Standbilder (fairy of Ibiza, time endless paper, fans in line, comic dancer, comic stars, underwater phoenix), die eine gelangweilte Doppeldeutigkeit zwischen Körpern und Riten zeigen. Die Werke, die allesamt aus der Bearbeitung des Films und mit einer vagen Andeutung an die Pop Art entstehen, setzen sich aus Szenen zusammen, die sehr filmischen Drehsets ähneln und in extrem ausdrucksstarke Bilder übersetzt sind. Manchmal sind diese sogar in eine, für künstliche Paradiese typische, abstrakte und kaum merkliche poetische Intimität gehüllt. Auch in diesem Fall gilt, wie bereits oben beschrieben eine gewisse Gleichgültigkeit, die auch in diesen Situationen durch eine Vielfalt von realen und virtuellen Impulsen ausgedrückt wird. Eine offene Dimension, in der alles zusammen vorherrscht - Schauspiel, Tanz, Musik, Swimmingpools, Strandrelax, Amüsements, Träume, Laster. Eine Gesellschaft, die aus "teenage apocalypse", aus der gelungenen Trilogie von Gregg Araki, zu stammen scheint. Zu dieser Reihe zählen die Collagepaintings Ibiza Mirror, 7 deadly sins und Comic dancer painting.

Es fällt nicht leicht die komplexen Alchimien eines derart vielgestaltigen Werkes zusammenzufassen. Besser wäre es, die von Udo Rein präsentierten Personen und Situationen als zerbrechliche Körper einer Gesellschaft zu definieren, die sie seit geraumer Zeit vergessen hat. Je mehr Macht der Mensch erreicht, umso verwundbarer wird er. In einem Babel, durch das der Künstler uns einen Weg zeigt, auf dem die versteckten Bilder, die Schatten, die Kräuselungen, die Gesichter, die Gewalt, die Stille, die Überlappungen und die Geschichten uns zu einer, in ihrer eigenen Müdigkeit gefangenen Gegenwart zurückführen. Emil Cioran beschreibt mit absoluter Schlagkraft dieses Müdigkeitsbabel: Heute verdient das große Babylon nicht mehr wegen seiner Unzüchtigkeit und seiner Ausschweifungen den Zusammenbruch, sondern wegen seines Getöses und seines Lärms, wegen des Schrillens seines Metallschrotts und wegen der Besessenen, die davon nicht genug bekommen können. Auf den Einzelgänger, diesen letzten Märtyrer, wütend, verfolgt Babylon ihn, quält ihn, unterbricht ständig seine Grübeleien, schleicht sich wie ein Lärmvirus in seine Gedanken ein, um sie zu unterminieren, zu zersetzen. Wieso sollte er in seiner Verbitterung nicht wünschen, dieses Babylon unverzüglich zusammenbrechen zu sehen? Es verunreinigt den Weltraum, diese neue Hure beschmutzt Lebewesen und Landschaften, vertreibt überall Reinheit und Andacht. Wohin gehen, wo bleiben? und was soll man im Getöse eines babylonisierten Planeten noch suchen? Bevor er in Stücke fliegt, werden jene, die am meisten unter ihm gelitten haben, die von ihm gequält worden sind, endlich ihre Revanche haben: sie werden die einzigen sein, die die Auflösung preisen, die einzigen, die diese Unterbrechung des Lärms, diese kurze und entscheidende Stille, die den großen Katastrophen vorausgeht, genießen.
E. M. Cioran, Gevierteilt, S. 52-53, Suhrkamp
 

Franco Fadda, München
Babylons Schatten, 2008

 
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