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Ein langer Schatten

Udo Reins "Exit Babylon"

Die Wahrnehmung der Welt durch das Auge der Stubenfliege, aus menschlicher Sicht vielfach fragmentiert und kaleidoskopartig gebrochen, oder die Videokameraübertragung von der Spitze eines Rinderhorns, wie Sie der in Berlin lebende Künstler Otmar Sattel bei der Bundesgartenschau 2001 in Potsdam hergestellt hat ( n.B. haben auch Willi Bucher und Ralf Kopp eine Videoinstallation "Kuh" geschaffen), um in der spezifischen Sicht der Kuh auf die Wiese den Begriff der Natur zu relativieren: solche anderen Arten von Blicken und Blickfeldern werden dann thematisiert, wenn die Maßstäbe für die Erfahrbarkeit des eigenen Selbst und der Umwelt in die Krise geraten sind. Nun gibt es verfremdende Perspektiven schon lange in der Kunst, zumal in der Moderne: etwa in der Fotographie, wie der russischen Avantgarde der 20-er und 30-er Jahre, der Bauhausfotographie, bei Man Ray, in der Filmkunst, beispielsweise mit den surrealistischen Experimenten von Luis Bunuel und Salvador Dalì, in der Bildenden Kunst mit den kubistischen Bildzerlegungen oder den Bildmontagen eines John Heartfield.

Als ein neues Phänomen hingegen beobachten wir eine konsequente Anwendung der fraktalen Konstruktionen und Rekonstruktionen der Welt bzw. des sie dokumentierendes Bildes durch zeitgenössische Künstler. Udo Rein ist einer von ihnen. Im Einsatz der komplexen Montage-Techniken seiner Bildsprache bei der Bearbeitung dokumentarischen Materials sowohl innerhalb eines Bildträgers als auch im Medienwechsel zwischen Film-, Ton- und Gemäldedarstellungen verhält er sich so konsequent und stringent wie kein anderer.

 

Wir haben es bei Künstlern wie ihm aber nicht mehr mit formalen Experimenten, also dem Ausprobieren der Spektren des Möglichen in der Wahrnehmung, zu tun, sondern mit einer Weltsicht, die es sich zum Anliegen und zur künstlerischen Methode macht, umfassend multiperspektivische, damit "babylonische" Aussagen herzustellen.

Die narrativen Elemente, etwa im DVD-Film "Exit Babylon", mit der Geschichte eines Gefängniswärters von derjenigen südafrikanischen Insel, auf der Nelson Mandela weg gesperrt war, oder mit der das Erlebnis von Drangsal evozierenden Geräuschkulisse enervierenden Babygeschreis, werden in den Dienst genommen zur Erfindung einer "babylonischen" Syntax der Bildsprache, auf der Basis der bekannten ikonographischen Grammatiken, also unserer aller in unserer Köpfen gespeicherter Bildervorräte. Der Künstler nimmt nicht mehr die elitäre Rolle des Sehers und Propheten ein, der seine Befindlichkeiten stellvertretend für seine Umgebung im Kunstwerk transzendiert, sondern destilliert Kommunikationspartikel und lädt sie auf zu einer offenen Bildstruktur - offen im Sinn von Nachvollziehbarkeit und Partezipation an der Bildaussage. "Communication through Art", nannte der amerikanisch-ungarische Künstler Batuz, dieses Vernetzungsgenie zwischen den Kulturperipherien der Kontinente seine in der Zielrichtung ganz ähnliche, in den Mitteln freilich andere Methode. Mit "Exit Babylon" hat Udo Rein einen eigenen Weg und vor allem ein so dringend gebrauchtes, grenzüberschreitendes Modell geliefert.
 

Dr. Elmar Zorn, München

 

 

 

 

 
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