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Eine Mini-Genialogie des Pop oder die Frage: Warum Pop Art 2002 ? |
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Ania Mauruschat ReDo's World vom Künstler udOreiN ist zwar in Deutschland zu Hause, aber vor allem ist sie eine amerikanische Welt und somit Pop. Aber warum 2002 Pop in Deutschland ? Bis auch in Deutschland von Gildo Horn bis Guido Westerwelle alles zu Pop geworden schien. Darum also Pop? Auf die Frage, wie er zu seinen Bildern komme, antwortet udOreiN "Ich weiß es auch nicht." Und auf die Frage, warum ausgerechnet Pop-Art: "Das war einfach immer in mir drin." Kurz: Udo Reins Pop Art entsteht nicht in Opposition zum American Spirit sondern aus diesem heraus. Beeinflusst u.a. von dem Kunstmaler Roman Feldmeyer (ein Freund er Familie, dessen Skizzenbuch vom nationalsozialistischen Russlandfeldzug mit unglaublichen Bildmaterial in Udo Reins Besitz befindet), führt Udo Rein die populäre Kunst und en amerikanischen Geist via Expressionismus und Pixelästhetik jedoch in seiner Malerei weiter. Weswegen Sie sich letztlich auch im Jahr 2002 behaupten kann, in Zeiten also, wo doch Medienkunst einerseits und andererseits eine Repolitisierung der Kunst allerorten dem Stand der Dinge entsprechen sollen. Ein kleiner Exkurs zur Genialogie des Pop erscheint trotzdem als hilfreich, um die Bedeutung der Pop-Ästhetik im Jahr 2002 und auch die Kunst von udOreiN besser verstehen zu können. Pop Art also, dieses US-amerikanische, urbane Phänomen der frühen 60er jahre, das herangewachsen war unter der kapitalistischen und technologischen Bedingungen der 2. westlichen Industriegesellschaft sich auf dem ersten Höhepunkt des Konsumwohlstandes erstmals artikulierte und sehr konkret mit dem Lebensgefühl der US-amerikanischen 60er Jahre zu tun hatte. Pop Art thematisierte die Nähe zwischen Kunst und Leben, bezog sich explizit auf die historische Gegenwart und war dadurch immer zugleich euphorisch-fort-schrittsgläubig sowie unterschwellig angespannt-pessimistisch, denn die 60er waren- nach dem lähmenden Klima der 50er- vor allem auch in den USA eine turbulente Zeit: 1962 ging Marylin Monroe Selbstmord, 1963 eskalierten erstmals Rassenunruhen und John F. Kennedy wurde in Dallas erschossen, 1964 traten die USA verstärkt in den Vietnam-Kreig ein, 1965 wurde Malcolm X und 1968 Martin Luther King erschossen- und parallel dazu erstarkte immer mehr die Bürgerrechts- und Protestbewegung mit den unterschiedlichsten Anliegen der Schwarzen, der Indianer, der Frauen oder Studenten. Joan Didon, die berühmteste Vertreterin des New Journalism, hat mit Ihrer Reportage "Stunde der Bestie" von 1967 über die Hippies in Haight Ashbury/San Francisco diese eigenartige Stimmung der US-amerikanischen 60er sehr anschaulich eingefangen. "Die Mitte hielt nicht mehr" Es war ein Land der Bankrotterklärungen, er Versteigerungsankündigungen, der alltäglichen Berichte von beiläufigen Morden, verloren gegangenen Kindern , verlassenen Häusern und Vandalen, die selbst noch die Schimpfwörter, die Sie hinkrakelten, falsch schrieben. (...) Es war kein Land in offener Revolution. Außerdem besaßen 1960 bereits 90 Prozent aller US-amerikanischen Haushalte mindestens einen Fernseher und die Anzahl der Fernsehsender hatte sich von sechs, die es 1946 gab, bis 1960 auf rund 500 vervielfacht. Diese Ironische aber zugleich auch faszinierte Auseinandersetzung mit dem "American Way of Life" fand dann in den 50er Jahren in England vorrangig rund um den Maler Richard Hamilton statt, der mit seiner Collage "Just what ist that makes today's homes so different, so appealing?" Entscheidend dabei war, bzw. ist dass dadurch die für die englische Pop Art so charakteristische Haltung der ironischen und distanziert-kritischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen USA hinfällig wurde, denn "Pop" bekam bzw. hatte in den USA eine andere Bedeutung. Wobei "Pop" bezüglich der US-amerikanischen Pop Art sicherlich einerseits auch mit "Knall" übersetzt werden kann und dann die explosive Stimmung der 60er reflektieren würde, andererseits stand und steht Pop in den USA vor allem aber als Abkürzung für "populär", was sowohl "beliebt" als auch volkstümlich / des Volkes bedeutet. Der Münchener Amerikanist Berndt Ostendorf hat in seinem Essay "Warum ist die amerikanische populäre Kultur so populär?" das komplexe Wesen diese Pop-Kultur sehr gut seziert und dadurch eine klare Unterscheidung, die essentiell erscheint, War in Europa traditionell der Begriff "populär" eher negativ konnotiert im Sinne von "trivial" und verstand man "Kultur" demgegenüber als "permanenten Auftrag und als Wirken von Bildung, als erworbenen Besitzstand und als Abgrenzung gegen die Kulturlosigkeit und das Banausentum der Anderen", so ist die "populäre Kultur" in den USA von Anfang an etwas rundum positives: Die politische Ordnung der jungen amerikanischen Republik basierte auf dem "populären Mandat", der "populären Souveränität" seiner Bürger, die sich in freier Wahl eine "populäre Regierung" wählten. "Populär bezog sich also auf die spezifische Leistung der amerikanischen Revolutionäre, 1776 politische Selbstbestimmung erreicht und damit die Würde und Weisheit des einfachen Mannes bestätigt zu haben. Nach Ostendorf kann darum also der Begriff "populäre Kultur" als Synonym für das "Gesamtdesign der liberalen amerikanischen Utopie" verstanden werden. |
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Demnach ist die "populäre Kultur" die Kultur der USA. es gibt keine andere genuin US-amerikanische, und diese Pop-Kultur ist "großartig", denn Sie sit die Kultur des befreiten Volkes der US-Amerikaner. Diese Freiheit ist eine der vier zentralen amerikanischen Glaubenssätze (neben aktiven Bürgersinn, Populismus und unbedingten Glauben an das Recht). Stattdessen arbeitet sie ihm letztlich zu. Zugleiche ist die US-amerikanische Pop-Kultur weltweit unglaublich wirkungsmächtig, da sie vor allem so "sexy" ist: Sie ist Ästhetik eines vermeintlichen Paradieses, verstehen sich die USA doch als "God's own country", als das gelobte Land des allgemeinen Wohlstandes und der arbeitserleichternden Warenwelt. Die Pop Kultur ist dementsprechend "authentischer" Ausdruck diese Zustandes des "Erlöstseins", in dem angeblich jeder vom Tellerwäscher zum Millionär werden kann: Just do it ! Andy Warhol, Personifikation der US-amerikanischen Pop Art schlechthin, hat in seinem Buch "Die Philosophie des Andy Warhol von A bis B und wieder zurück" das Wesen dieses in eine vermeintlich "kommunistische Ästhetik" verpackten Kapitalismus sehr plastisch auf den Punkt gebracht: "Das ist das Phantastische an diesem Land: In Amerika ist es im Wesentlichen so, dass auch der reichste Verbraucher im Wesentlichen das gleiche kauft, wie der ärmste. Du siehst Coca Cola im Fernsehen und kannst sicher sein, dass der Präsident sein Cola trinkt, dass Liz Taylor Cola trinkt - und selbst kannst du auch Cola trinken. Coca Cola ist und bleibt Coca Cola und für kein Geld der Welt kannst du irgendwo ein Cola herkriegen, das besser wäre als das. was der Penner an der nächsten Ecke trinkt. Es ist immer das gleiche Coca Cola, und es ist immer gleich gut. Das Weiß Li Taylor, das weiß der Präsident, das weiß der Penner und du selber weißt das auch. Diesem traditionellen US-amerikanischen Pop-Begriff standen jedoch vor allem seit den 60er Jahren die europäischen, linken, kritischen Lesarten von Pierre Burdieu oder der Birmingham School gegenüber, die die Auffassung vertraten, dass die Pop-Kultur von den Schwachen, Marginalisierten und Machtlosen eingesetzt werde, um sich mittels ihrer kulturellen Differenz Freiräume und Freiheitsmomente in dem jeweiligen politisch und wirtschaftlich herrschenden System zu schaffen. Dass dies spätestens seit den 90er Jahren auch in Europa etwas komplizierter geworden ist, hat 1999 der deutsche Pop-Theorie- Papst Diedrich Diederichsen in seinem Buch "Der lange Marsch nach Mitte. Der Sound und die Stadt" im fünften Kapitel "Die 90er und dahinter die Unendlichkeit- Ist was Pop?" ausgeführt. Dort unterscheidet Dieterichsen zwischen "Pop I (60er - 80er, spezifischer Pop)", der letztlich doch irgendwie der bessere gewesen sei, und "Pop II (90er allgemeiner Pop)", der "Pop I" verdrängt habe. Es gilt, sich mit dieser Tendenz in ihrem Verhältnis zu Pop I und der alten Öffentlichkeit auseinanderzusetzen und auf dieser neuen Ebene oppositionelle Effekte zu studieren und zu stärken. Nie war sie gleichzeitig so unwichtig, so ersetzbar, so flüchtig, so resonanzlos." Den Brückenschlag zwischen der amerikanischen Pop Art der 60er Jahre und einer Pop Kunst der globalisierten Gegenwart scheint udOreiN dabei zu vollziehen, in dem er den Faden aufnimmt , an Ihn anknüpft und Ihn weiterführt: Zu einer Zeit, als Rassenunruhen die USA fast an den Rand eines Bürgerkrieges führten, ernannte Andy Warhol 1964 Jane Holzer, weißes New Yorker Szenegirl und zugleich Hauptdarstellerin eines Warhol - Stummfilms, zu seinem ersten "Superstar" - aus Protest dagegen dass der Undergroundfilm keine Stars haben konnte und um Hollywood zumindest semantisch zu überbieten. "Just do it" - Spirit zu gewinnen verspricht. Kein anderer verkörpert deswegen wohl auch die Wandlung des Pop Begriffs - bis zum Ende der 90er Jahre so perfekt wie Tiger Woods. Eine Collage eines Tiger Woods Covers. Udo Rein kann zwar kein Titelbild einer Bewegung mehr schaffen, dafür bedient er sich echter Titelbilder und bringt mit diesem raffinierten Kniff die Pop Art unmittelbar zurück an den Pulsschlag der Zeit. Zugleich ist aber auch ständig der American Spirit präsent und schreitet voran, vor allem in Gestalt der US-amerikanischen Flagge, die die gesamten letzten 10 Jahre hindurch immer wieder in Udo Reins Bildern auftaucht. Und wie weit ist es von den "stripes" zur "star series", die nacheinander entstanden? Ania Mauruschat |
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1 Ostendorf, Berndt: "Warum ist die amerikanische populäre Kultur so populär?" in Merkur, no. 8, 53rd year, August (1999): 700-715. |
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2 Diedrich Diederichsen: "Die 90er , und dahinter die Unendlichkeit - Ist was Pop?", Chapter 5 of Der lange Marsch nach Mitte. Der Sound und die Stadt, Cologne, 1999. |
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